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Presseartikel: Mannheimer Morgen, 27.01.2018

Urbanes Lebensgefühl: Die Heidelberger Parkour-Sportler der „Flying Monkeys“ kennen fast keine Grenzen / Auf direktem Weg von A nach B

Von unserer Mitarbeiterin Sibylle Dornseiff

MANNHEIM/HEIDELBERG.

Traceure nehmen ihre Umwelt besonders wahr. Bänke sind zum Überspringen und Balancieren, nicht zum Ausruhen. Mauern sind keine Grenzen, sondern Hindernisse, die zum Überwinden geradezu einladen. Auch Treppen, Geländer, Poller, Brunnen, Wände oder Sandgruben haben für Parkour-Sportler eine ganz eigene Bedeutung. Ihr Ziel ist, in einem urbanen Umfeld mit Techniken wie Rennen, Weit- und Hochspringen, Balancieren oder Klettern einen direkten Weg von A nach B zu finden. Jedes Hindernis ist eine Herausforderung an die Fähigkeiten des Körpers.

„Ausschlaggebend ist dabei die Effizienz“, erläutert Jens Rößler von den Heidelberger „Flying Monkeys“. „Die ursprüngliche Idee, die dahinter steckt, ist die Organisation einer Flucht“, beschreibt er den anfangs des 20. Jahrhunderts in Frankreich entwickelten Sport, der durch Filmstunts populär wurde und seit den 1980er Jahren in einer vorwiegend maskulinen Welt immer mehr Anhänger findet.

2006 wurde der 30-Jährige auf Parkour aufmerksam und lernte mit ein paar Freunden die Grundtechniken autodidaktisch („Youtube gab es damals noch nicht“). Doch erst ein Workshop in Berlin brachte den turnerisch unerfahrenen jungen Männern Fortschritte. Schließlich sind unterwegs eingebaute Tricks, sind Saltos (Front-, Side-, Back- oder Wallflips) die Würze.

Während die meist erwachsenen „Flying Monkeys“ zunächst ausschließlich outdoor agierten, erkannte der Heidelberger Simon Reibert das enorme Entwicklungspotenzial der Trendsportart für die Bildungs- und Vereinslandschaft. Für die „Sportkoordination Waldparkschule“ etablierte er in den Stadtteilen Boxberg und Emmertsgrund 2008 mit sogenannten „Sunday-Schools“ einen Treff auf Straßen und Plätzen und überführte den Freiluftsport im Rahmen eines schulübergreifenden Integrationsprojektes („Downtown-Uptown-sports“) als Regelangebot in Sporthallen. 2014 schloss er sich als Übungs- und Abteilungsleiter dem TB Rohrbach an.

„Inzwischen betreue ich mehr als 80 Traceure zwischen fünf und 37 Jahren“, ist der Absolvent der Uni Heidelberg (Sport, Anglistik) stolz auf die positive Entwicklung. Seit die Gruppe nach einem mehrjährigen Gastspiel im Heidelberger Turnleistungszentrum im September in der Heidelberger Bahnstadt ein eigenes Domizil bezog („wir haben pro Woche acht Stunden in der Gadamerhalle“), ist der Zustrom nochmals gewachsen.  Das Wesentliche des Trainings: Kleine Gruppen unterschiedlichen Alters arbeiten an den Stationen weitgehend selbstständig, helfen sich, geben sich Tipps. Anfänger oder alle, die Tricks erlernen wollen, nimmt Reibert unter seine Fittiche. „Das funktioniert nur, weil Regeln eingehalten werden“, verweist er auf Parkour-Prinzipien wie gesunde Selbsteinschätzung, Blick auf das eigene Können und volle Konzentration.

„Stell Dir vor, du landest auf Beton und sollst dir dabei nicht wehtun“, erklärt Reibert zwei Jungs, die von einem hohen Kasten in eine weiche Matte springen, dass sie sich seitlich sanft abrollen lassen sollen.

Nebenan werden auf in wechselnden Abständen stehenden Kästen sogenannte „Prezis“ geübt, ein und beidbeinige Weitsprünge aus dem Stand oder dem Lauf, bei denen es auf präzise Stände und Landungen ankommt. Der 20-jährige Luxemburger Yannick, der in Heidelberg Bio-Wissenschaften studiert und schon sechs Jahre Parkour-Erfahrung hat („dass es hier eine Szene gibt, half bei meiner Uni-Entscheidung“), verfeinert an einer Hallenwand seinen „Wallflip“, einen Rückwärtssalto, dem das Hochlaufen an einer Mauer vorausgeht. Diese Variabilität ist ein weiteres Parkour-Merkmal: „Jeder trainiert das, was er will. Wir achten nur auf richtige Bewegungsabläufe“, zeigt Reibert einen großen Unterschied zum traditionellen Gerätturnen. „Es verhindert auch Konkurrenzdenken“, sagt Reibert. „Wir machen keine Wettbewerbe. Auch nicht, wenn wir wieder nach draußen gehen.“

Auf dem Neckarvorland

Denn trotz der Möglichkeiten in der Halle, von denen in den Wintermonaten auch die „Flying Monkeys“ profitieren („die Szene ist gut vernetzt, jeder trainiert dort, wo es gerade möglich ist“), freuen sich alle, wenn die Tage länger werden und der Parkour wieder öffentlich wird. Reiberts Gruppe geht dann gern auf das Neckarvorland („das Beachvolleyballfeld eignet sich perfekt zum Reinflippen“), die „Flying Monkeys“ ziehen größere Kreise.

„Emmertsgrund, Spielplätze, Schulgelände und Alla-Hopp-Anlagen sind gut. Aber die schönsten Spots hat Mannheim“, schwärmt Rößler, der Physiker und Doktorand in Theoretischer Biologie am Krebsforschungszentrum vom „stillgelegten Brunnen vor dem REM, vom Neckarufer bei der Alten Feuerwache oder dem Gelände der Uni-Mensa.“